Denkanstöße - Food for Thought
(Reifezeit - Kapitel 8)
Der ganzen Tag nach den ausführlichen Offenbarungen von Hartmut begleiteten Reinhard gemischte Gefühle. Zunächst traute er sich gar nicht noch weiter nachzufragen, denn er fürchtete von Hartmut mit noch viel mehr Details konfrontiert zu werden, die er einzuhalten hatte, und die er sich unmöglich alle würde merken können. Da kam es ihm sehr gelegen das ihn seine Arbeit in der neuen Umgebung stark in Anspruch nahm, so dass er seine Unsicherheit mit dem, was da auf ihn zukommen würde, in den Hintergrund drängen konnte.
An den folgenden Tagen schoben sich dann aber alle Fragen wieder unaufhaltsam in den Vordergrund.
„Warum machen die Frauen das? Und warum lassen ihre Ehemänner es zu?“, wollte er von Hartmut wissen. Dabei stellte er sich vor, dass ähnliches ja auch von ihm und Iris erwartet werden könnte, wenn sie Teil dieser Gemeinde wären. Allein schon der Gedanke daran schien für ihn sehr befremdlich, ja unerträglich, auch wenn umgekehrt die Aussicht, bald einmal eine sexuelle Erfahrung mit einer anderen Frau als Iris zu haben, durchaus verlockend für Reinhard war.
„Nun …“, begann Hartmut Oswald in seinem manchmal etwas belehrenden Ton, „… du hast ja sicher in den Texten des Zachäus von seiner Grundtendenz der Besitzlosigkeit und der grenzenlosen Liebe gelesen …“
Wie er es so gern tat, wenn er sich als Lehrer fühlte, kramte Hartmut seinen „Zachäus“ hervor und zitierte daraus:
„Nun,
da ihr den Fesseln des Besitzes entsagt habt, erinnert euch stets daran, dass
dies auch in euren Beziehungen untereinander gilt.
Unter euch soll niemand als Sklave eines anderen leben. Niemand ist eines
Anderen Besitz. Weder die Frau ist Besitz ihres Mannes noch ist der Mann Besitz
seiner Frau.
Deshalb kann es unter euch auch keinen Ehebruch geben, denn wenn ein Mann einer
anderen Frau als der, mit der er zusammenlebt, Ahavaba schenkt, so schenkt er sich selbst und
stiehlt niemandem etwas. Und wenn eine Frau einem anderen Mann, als dem, mit
dem sie zusammenlebt, Ahavaba schenkt, so kann sie ihren Mann nicht betrügen, da sie
nicht sein Eigentum ist.
Ahavaba ist euch geschenkt von Gott, und
gleichzeitig eure Feier und Lobpreis seiner
Herrlichkeit nicht nur im Himmel, sondern auch auf Erden. Darum teilt einander
großzügig die Liebe Ahavaba, auf dass ihr Gottes Schöpfung die Ehre
erweist und das Pleroma erschaut.
[Zach 2,5-8]
Wie immer zelebrierte Hartmut das Vorlesen in seiner ganz eigenen Art mit viel Pathos in seiner Stimme, so als wollte er den alten Zachäus selbst sprechen lassen.
„Die frühe Gemeinde der Zachäer hat einfach erkannt, dass die damals vorherrschenden toxischen Moralvorstellungen immer nur zu Mord und Totschlag führten. Eine Erkenntnis, die sich leider heute immer noch nicht groß verbreitet hat. Denke dabei nur einmal an das Thema der sogenannten „Ehrenmorde“, die das genaue Gegenteil dessen sind, was Jesus Christus gepredigt hat.
Die Zachäer haben einfach erkannt, dass das Zusammenleben viel einfacher ist, wenn Neid und Eifersucht keine Rolle spielen, und jeder seine Grundbedürfnisse erfüllt sieht. Dazu gehören neben Essen, Trinken und Schlafen eben auch die seelische und körperliche Befriedigung der Sinne. Die Anthropologie zeigt, dass freizügige Gesellschaften, in denen Frauen die gleichen Rechte wie Männer haben und auch frei über ihren Körper verfügen können, sehr viel friedlicher sind als andere.
Das sollte deine Frage beantworten, warum die Frauen das machen Denn sie nehmen damit einfach ihre Gleichberechtigung wahr, und die Männer akzeptieren das, weil auch sie eingesehen haben, dass sie damit selbst zufriedener und ausgeglichener leben können.“
Da hatte Reinhard nun wieder einiges zum Nachdenken, und ging auf einen Spaziergang im nahegelegenen Community Park.
Wenn er sich die Welt so betrachtete schienen Hartmut und Zachäus irgendwie recht zu haben. Überall wo Frauen nichts zu sagen hatten, und quasi Eigentum ihrer Männer waren, herrschte Gewalt. Da musste man sich nur den Nahen Osten anschauen. Viel zu viele junge Kerle die nicht genug Sex hatten, und bei denen das Abfeuern der Kalaschnikow den Orgasmus ersetzen musste.
Am Ende seines Spaziergangs war Reinhard noch nicht restlos überzeugt, doch konnte er sich inzwischen mit dem Gedanken anfreunden sich darauf einzulassen. Kostete es auch etwas Überwindung seine kulturelle Prägung hinter sich zu lassen, so spürte er doch ein gewisses abenteuerliches Prickeln bei dem Gedanken einmal mit einer anderen Frau als Iris zusammen zu sein.
Libertineros 2026
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